Denken wird meist als Reflexion verstanden: Das Subjekt steht vor dem Gegenstand, richtet sich auf ihn, umkreist ihn, bestimmt, vergleicht und ordnet ihn und fällt ein Urteil über ihn. Die Reflexion macht den Gegenstand so zum Inhalt des Wissens, kann dabei aber dem, was sie zu erkennen sucht, ganz äußerlich bleiben. Sie übersetzt den Gegenstand in ihre eigenen Kategorien und gibt ihn dem Subjekt als etwas zurück, das bereits durch dessen Denkweise bestimmt ist.
Eine solche Reflexion ist weder überflüssig noch falsch. Ohne sie gäbe es keinen Begriff, keine Unterscheidung und keine geordnete Erfahrung. Ihre Grenze zeigt sich erst dort, wo sie ihre eigenen Formen für die Formen der Sache selbst hält — wo sie vergisst, dass sie das Erkannte womöglich zunächst sich selbst angepasst hat. Dem Gegenstand wird dann keine eigene innere Beweglichkeit mehr zugestanden; er wird zu etwas, über das das Subjekt Wissen verfügt.
Der Ausdruck In-Flexion versucht, eine andere Bewegung des Denkens zu bezeichnen. Der Bindestrich ist nicht bloß eine grafische Unterscheidung. Er zeigt die Beugung des Denkens zur inneren Form des Gegenstandes hin: Das Denken verinnerlicht die Sache und versucht, sie in sich neu hervorzubringen. Es kehrt nicht mehr mit einem besessenen Inhalt zu sich zurück, sondern lässt sich durch die Begegnung mit dem Inhalt verwandeln.
In-Flexion ist daher weder ein Rückzug in psychologische Innerlichkeit noch die Aufgabe des Begriffs zugunsten eines unbestimmten Gefühls oder einer Intuition. Die Sache verschwindet nicht im Subjekt. Im Gegenteil: In der Immanenz des Denkens muss sie gerade als anderes gelten. Das Denken ist erst dann wahrhaft rezeptiv, wenn es das Empfangene nicht aufhebt, sondern ihm gestattet, kraft seiner eigenen Bestimmung im Denken zu wirken.
Rezeptivität ist hier keine Passivität. Das Andere zu empfangen bedeutet bereits, von ihm getroffen zu werden; getroffen zu werden aber heißt, sich ihm gemäß neu gestalten zu lassen. In diesem Geschehen bestehen das Noetische und das Noematische nicht als zwei fertige Seiten, die erst nachträglich in Beziehung treten. Der Akt des Begreifens und die sinnvolle Geltung des Begriffenen entstehen in derselben Tätigkeit. Noetische Ausarbeitung ist daher weder apriorischer Schematismus noch Algorithmus oder mechanisches Verfahren: Freiheit gehört zur Intelligibilität selbst, und ihr Ergebnis lässt sich nicht im Voraus berechnen.
Der Weg von der Reflexion zur In-Flexion ist zugleich ein Weg zu einem anderen Denken des Absoluten, des Seins selbst. Das Absolute erscheint nicht länger als höchster Gegenstand gegenüber dem Denken, aber auch nicht als apophatisches Nichts, in dem jede Bestimmung erlischt. Es ist nicht das träge Substrat der „Wirklichkeit“, sondern die lebendige Fähigkeit zur Selbstbestimmung, Selbstgestaltung und Rückkehr zu sich durch Andersheit. Seine Absolutheit ist keine Unbeweglichkeit jenseits des Endlichen, sondern die Kraft, in jeder Bestimmung als Quelle ihres Entstehens und ihrer Verwandlung gegenwärtig zu bleiben.
In-Flexion wäre somit der Versuch des Denkens, bewusst jene Selbsthervorbringung zu wiederholen, welche die immanent-intelligible Plastizität der Istheit in der Genese der Wirklichkeit bereits vollzieht. Sie will nicht bloß beschreiben, was ist, sondern in ihrer eigenen Bewegung für den Akt empfänglich werden, durch den überhaupt etwas ist. Hier beginnt die Möglichkeit spekulativer Erkenntnis: nicht als Besitz des Absoluten, sondern als bewusste Teilnahme an seiner Selbstunterscheidung und Rückkehr.